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07. Aug 2014 // DIN-Normen

Die DIN EN ISO 12944-6: Fluch oder Segen?

Stahlbauten können durch Beschichtungssysteme wirksam vor Korrosion geschützt werden. Da es eine Vielzahl von Beschichtungssystemen gibt, möchten Unternehmen ihren Kunden zunehmend ein unabhängiges Prüfzeugnis als Qualitätsmerkmal vorlegen. Dies ist grundsätzlich zu unterstützen. Schwierig wird es jedoch immer dann, wenn das, was als Qualitätsmerkmal gedacht ist, bei genauer Betrachtung viele Fragezeichen aufwirft.

Einer der größten Mängel bei der Bewertung der korrosiven Eigenschaften der Lacksysteme stellt jedoch die Vorbereitung und Auswertung des Salzsprühnebeltestes dar. Es ist kein eindeutiges Ritzwerkzeug definiert. Es können Ritz- und Einschneidengeräte verwendet werden, was aber die Prüfergebnisse entscheidend beeinflusst. Quelle (drei Fotos): iLF

Die DIN EN ISO 12944 stellt in ihren Teilen 1-8 (Vorläufer DIN 55928, Erstausgabe: ab 1976) zweifelsohne eine hervorragende Normenreihe aus den 80ziger Jahren dar, in der erstmals ein vollständiger Prozess beginnend von der Einteilung der Umgebungsbedingungen, den Grundregeln zur Gestaltung von Bauwerken, der Art der Oberflächenvorbereitung, der Auswahl der Beschichtungssysteme, den Laborprüfungen zur Bewertung der Lacksysteme über das Ausführen und Überwachen der Beschichtungsarbeiten bis hin zur Erarbeitung einer Spezifikation für den Erstschutz bzw. eine mögliche Instandsetzung chronologisch beschrieben worden ist. Bis heute hat dieses Normenwerk zum Thema Einteilung von Korrosivitätskategorien basierend auf der Einteilung in Umgebungsbedingungen nicht an Aktualität verloren. Mit der erfolgreichen Überarbeitung von Teil 5 wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass immer mehr moderne Lackvarianten entwickelt werden und so Zugang in den Korrosionsschutz finden können. Im Teil 6 wird beschrieben, wie Lacksysteme mittels Laborprüfungen bezüglich ihres Korrosionsschutzverhaltens bewertet werden sollen. Leider wurde die Überarbeitung von Teil 6 bis heute nicht abgeschlossen, obwohl es im Zeitraum 2006 bis 2009 im Normenausschuss intensive Bemühungen dazu gegeben hat. So sind die beschriebenen Laborprüfungen bezüglich der Herstellung von Probeplatten und deren Auswertungen zu oberflächlich.

Die Prüfung zeigt eine deutliche Enthaftung sowie eine beginnende Korrosion unter der Beschichtung.

Die Prüfung zeigt eine deutliche Enthaftung sowie eine beginnende Korrosion unter der Beschichtung.

Hier ist die deutliche Enthaftung vom Ritz zu erkennen.

Hier ist die deutliche Enthaftung vom Ritz zu erkennen.

Eine qualifizierte Schichtdickenmessung insbesondere der Einzelschichten, ist immer dann möglich, wenn die Probeplatten dort beschichtet werden, wo sie ausgeprüft werden. Die Norm lässt offen, wer beschichtet. Eines der größten Mängel bei der Bewertung der korrosiven Eigenschaften der Lacksysteme stellt jedoch die Vorbereitung und Auswertung des Salzsprühnebeltestes dar. Es ist kein eindeutiges Ritzwerkzeug definiert. Möglich sind Ritzgeräte und Einschneidengeräte nach ISO 2409. Dieses kann jedoch entscheidend das Prüfergebnis beeinflussen (Bild 1). Neben der Bewertung des Blasengrades und des Rostgrades wird lediglich die Unterrostung am Ritz und eben nicht die Enthaftung vom Ritz ausgehend bewertet. Das führt dazu, dass Lacksysteme, die nach dem Salzsprühnebeltest keine Unterrostung und keine Enthaftung am Ritz aufzeigen denen gleichgestellt sind, bei denen keine Unterrostung aber eine Enthaftung zu beobachten ist, vorausgesetzt die sich anschließende Abrissprüfung bzw. Gitterschnittprüfung ist innerhalb der Grenzwerte der Norm (Bild 2, Bild 3). Die Erfahrung zeigt jedoch, dass kaum ein Lacksystem eine Unterrostung am Ritz bewirkt, sehr wohl aber deutlich verschiedene Arten der Enthaftung d [mm] vom Ritz festzustellen sind.

Bisher eher Fluch als Segen

Prüfinstitute wie das ILF Magdeburg müssen somit Lackaufbauten, die keine Korrosion am Ritz aber dafür Enthaftungen aufweisen mit deutlich besseren Lackaufbauten gleichstellen, die weder Korrosion am Ritz zeigen, noch enthaften und darüber hinaus bei den Kennwerten Gitterschnitt bzw. Haftzugprüfung nicht versagen. Fazit: Bisher stellt der Teil 6 der DIN EN ISO 12944 wohl eher einen Fluch als einen Segen dar. Es bleibt zu hoffen, dass die aktuell begonnene Überarbeitung dieses Normenteils, differenzierter die Art und den Umfang der Vorbereitung von Prüfplatten und deren Auswertung beschreiben wird und somit nicht mehr für jegliches Anwendungsgebiet missbraucht werden kann.

iLF Magdeburg, Cornelia Dreyer, Tel. +49 391 6090-215, cornelia.dreyer@lackinstitut.de, www.lackinstitut.de

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